Wir brauchen eine Richtschnur für das Zusammenleben.

Die Religion bietet sie in den Geboten an.

Die Gebote sind für den Menschen da, und nicht der Mensch für die Gebote.

Die Gebote sind kein morallastiges Pflichtprogramm, um das man sich zusätzlich zur täglichen Qual der Wahl scheren müsste. Du sollst das nicht, du sollst dies nicht. du sollst jenes nicht. Statt Erleichterung verspürt man allergische Reaktionen. Was so ziemlich genau das haarsträubende Gegenteil vom Sinn der biblischen Richtlinien ist.

Die Zehn Gebote gibt es, weil nach jüdischem und christlichen Glauben Gott den Menschen Freiheit und Verantwortung zutraut. »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft geführt hat«. So werden die Gebote im zweiten Buch Mose begründet. Sie beginnen nicht mit »Du sollst«, sondern mit der Erinnerung an die Befreiung. Sie beginnen dort, wo das Ducken, Kriechen, Unterdrücken zu Ende ist.

Der uneheliche Sohn einer einfachen jüdischen Frau und eines Zimmermanns hat Gott neu vorgestellt. Die Gebote, sagt Jesus, sind für den Menschen da, und nicht der Mensch für die Gebote.

Aus ihnen ein Gefängnis der Vorschriften und Strafen zu mauern, ist pervers. Ihr Wert liegt darin, dass sie Verständnis für die Würde des Lebens wecken und zu einem liebevollen Leben ermutigen.

Als Kind lernt man die Zehn Gebote. Später merken viele, dass Gelerntes nicht automatisch in Fleisch und Blut übergeht. Durchs Verhalten wächst mit der Zeit Haltung. Wie war das noch mal mit den Geboten, steht da wirklich, dass man nicht lügen darf, und muss ich meinen Nachbarn lieben, obwohl der sich ständig über den Lärm meiner Kinder beschwert?

Die Gebote räumen Konflikte nicht aus dem Weg. Aber sie bieten Kriterien, die dem gemeinsamen Leben dienen.

Sofern man so frei sein will.

Auszug aus einem Artikel von DIETER BREIT im Ev..Magazin